ALKOHOLPOLYNEUROPATHIE
27
Polyneuropathie
27.1
diabetische Polyneuropathie
27.2 Alkoholpolyneuropathie
27.3
toxische Polyneuropathie
27.4
infektiöse Polyneuropathie
Manche Autoren schreiben den Begriff "Alkoholpolyneuropathie" auch mit Bindestrich (Alkohol-Polyneuropathie).
Polyneuropathie
ist der Oberbegriff für systemische entzündliche und dege nerative (= eine Funktionsstörung z.B. infolge einer Stoffwechselstörung betreffende) Erkrankungen der peripheren (= außerhalb Gehirn/Rückenmark befindliche) Ner ven oder von Nervenanteilen. Wenn nur ein Nerv betroffen ist, so spricht man von einer Neuropathie (Mononeuropathie). Die Alkoholpolyneuropathie beruht auf einer tox ischen (= giftigen) Nervenschädigung infolge übermäßigem Alkoholgenuß.Die Alkoholpolyneuropathie führt im
fortgeschrittenen Stadium zu brennenden
Dauerschmerzen im
Versorgungsgebiet peripherer (= außerhalb Rückenmark und
Gehirn verlaufender) Ner ven, vorwiegend in
Ar me und Be ine, vor allem im Bereich von Finger und Zehen.
Darüber hinaus bestehen
Parästhesien (=
Fehlempfindungen),
Hyperästhesien (= gesteigerte Empfindlichkeit für
Sinnesreize) und
Hyperpathien (=
gesteigerte Berührungsempfindlichkeiten), Druckschmerzhaftigkeit
von Ner ven
und Muskeln sowie evtl. motorische (= die
Muskelfunktion betreffende) Reizerscheinungen (Crampi) (Gerstenbrand
et Rumpl 1988) und
Wadenkrämpfe. In schweren Fällen kann es zu motorischen
(= die Muskelkraft betreffenden) Ausfällen mit
entsprechenden Gangstörungen kommen kommen. Charakteristisch für die Alkoholpolyneuropathie ist eine Lähmung der Peroneusnerven, wobei dann die Zehen bzw. Vorfüße nicht
mehr angehoben werden können was natürlich beim Gehen sehr hinderlich ist..
Schmerzattacken wie bei einer
Neuralgie
sind sehr selten. Charakteristisch sind socken- bzw. handschuhförmige
Sensibilitätsstörungen (= Störungen der Empfindlichkeit).
Der
brennende
Schmerz
Untersuchung:
Die Alkoholpolyneuropathie
führt zu Hypo- bis Areflexie (= Abschwächung bis hin zu Ausfall der
Muskeleigenreflexe), Ausfällen im Vibrationsempfinden (Pallhypästhesie bis hin zu
Pallanästhesie im Stimmgabelversuch) und Störungen der Sudomotorik (=
Schweißverhalten), die von Lähmungen begleitet sein können.
Je
nach Verteilungsmuster unterscheidet man symmetrische und asymmetrische, rein
sensorische (= die Empfindlichkeit betreffende)
oder sensorisch-motorische (= die Empfindlichkeit und
Muskelkraft betreffende) Formen von
Polyneuropathien.
EMG (Elektromyographie)
und NLG (Nervenleitgeschwindigkeit) sichern die Diagnose.
Kausale (=
auf die Ursache gerichtete) Therapie der Alkoholpolyneuropathie:
Wegen
der komplexen Kausalität der Alkoholabhängigkeit kann dieses Problem in der
Regel nicht im Rahmen einer Schmerzsprechstunde gelöst werden. Es muß versucht
werden, dem Patienten zu erklären, daß eine spezifische
Schmerztherapie nur
dann sinnvoll sein kann, wenn auf weiteren Alkoholgenuß verzichtet wird.
Symptomatische (=
auf die Krankheitszeichen ausgerichtete) Therapie einer
Alkohol-Polyneuropathie:
Die mehr oder weniger hochdosierte
Verabreichung neurotroper Vitamine (= Nervenvitamine)
ist auch bei Alkoholpolyneuropathie allgemein üblich.
Leider führt diese Therapiemaßnahme in den wenigsten Fällen zu einer
Verbesserung. Hohe Dosen von Vitamin B6 können selbst neurotoxisch (=
wie ein Nervengift) wirken und eine Polyn
Analgetika (=
Schmerzmittel):
Neuropathische Schmerzen
sind in der Regel durch Schmerzmittel
nur schwerlich günstig zu beeinflussen (gilt auch für die Alkoholpolyneuropathie). Am ehesten ist noch ein Effekt von zentral
wirksamen Analgetika (= Schmerzmittel die im Rückenmark /
Gehirn wirken) zu erwarten. Aus diesem Grunde ist es nicht möglich,
ein sicher wirksames Medikament zu empfehlen. Eine Kombination aus Metamizol und Chinin soll relativ zuverlässig schmerzlindernd sein. Ein
Gemisch aus Uridin- und Dinatriumsalze (Keltican®) kann versucht werden.
Andere
Medikamente: Bei crampiformen (= muskelkrampfartige)
Beschwerden werden zur Schmerzbehandlung Baclofen und Calcium-Antagonisten
empfohlen (Gerstenbrand et Rumpl 1988). Unter dem Aspekt der
Schmerzdistanzierung können Antidepressiva und
Neuroleptika (=
Mittel zur Behandlung der Psyche, aber auch bei
Schmerzen wirksam)
versucht werden.
Physikalische Therapie:
Eine
Vielzahl von Methoden sind geeignet, das Schmerzbild einigermaßen erträglich
zu halten. Zu erwähnen wären besonders kalte oder warme Wickel, Wechselbäder,
Kneipp`sche Güsse oder eine oberflächliche Kryobehandlung (=
Kältebehandlung) mit Kondensationsdampf aus flüssigem Stickstoff
oder Kaltluftgenerator.
In einigen Fällen kann auch eine Linderung mit
transkutaner Nervenstimulation (TENS) mittels Niederfrequenzgenerator über
Klebeelektroden herbeigeführt werden.
Neuerdings führen wir auch bei der
Alkoholpolyneuropathie im Bereich der unteren
Extremitäten
(= Beine) zusätzlich mit gutem Erfolg die SynOpsis Therapie durch. Die
Unterschenkel des
Pat. befinden sich dabei in einem mit Wasser gefüllten Gefäß. Über einen
Computer werden der Flüssigkeit Schallwellen einer bestimmten Frequenz
pulssynchron (= in Ahängigkeit vom Pulsschlag)
zugeführt. Es handelt sich dabei um ein sog. syncardiales
(= im gleichen Rhythmus)
Gefäßtraining. Durch die Verbesserung der Durchblutung wird der Stoffwechsel der
Nerven
zellen
optimiert. Mehr
über diese Therapie erfahren Sie hier:
www.1-avk.de
(einfach anklicken).
Auch eine sog.
Hochtontherapie
kann bei diesem
Schmerz sehr hilfreich sein.
Therapeutische
Lokalanästhesie (=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika) bei
Alkohol-Polyneuropathie:
Wiederholte
Nervenblockaden - Die wiederholte Blockierung (Betäubung) der
korrespondierenden Nervenleitungen mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain) hat sich
bei einer Polyneuropathie sehr bewährt. Dabei kommt es neben
der (erwünschten) Hemmung der Nozizeption (=
Schmerzreizleitung) gleichzeitig zu einer Blockade vegetativer
(sympathischer) Faseranteile, woraus eine sehr deutliche Mehrdurchblutung
im korrespondierenden Gewebebereich resultiert, die jedem entzündlich/degenerativen
Prozeß nachhaltig entgegenwirkt. In diesem Sinne ist diese Behandlung nicht
nur symptomatisch, sondern kurativ (= auf
die Ursache ausgerichtet).Die ausgeprägte Mehrdurchblutung
führt auch zu einer Optimierung eines gestörten und
damit potentiell schmerzauslösenden Metabolismus (=
Stoffwechsel) der Nervenzellen.
Im Bereich der oberen Ex tremitäten
(= Ar me)
bietet sich die
Blockade des Plexus brachialis (= großes Armnervengeflecht)
an, insbesondere
kontinuierlich mit Katheter. Im Bereich der unteren Ex tremitäten
(= B eine)
kann, besonders bei distal (= weiter unten)
betonten Schmerzen, zunächst der Nervus ischiadicus wiederholt blockiert
werden. Nach probatorisch guter Wirkung empfiehlt sich zur Durchführung einer
kontinuierlichen (repetitiven) Blockade die
Einpflanzung eines Katheters (*
siehe unten).
Bei den häufig vorkommenden sockenförmigen Beschwerden gilt es
jedoch zu bedenken, daß im Knöchelbereich auch der Nervus saphenus beteiligt
sein kann, der dann in die Blockadetherapie mit einbezogen werden muß. Bei
Beschwerden im Bereich der unteren Ex tremitäten
(= B eine)
kann auch eine niedrig dosierte
peridurale (= rückenmarknahe) Blockade
durchgeführt werden. Dabei gilt, daß eine Therapie mit Leitungsblockaden dann
optimal ist, wenn diese möglichst kontinuierlich durchgeführt werden, d.h.,
die Folgeblockade sollte immer dann gesetzt werden, wenn die vorhergehende eben
abgeklungen ist. Dieser Forderung wird am ehesten die Kathetertechnik gerecht (*
siehe unten). In der Regel reicht eine geringe Lokalanästhetika-Dosierung aus
(z.B. Bupivacain 0,125 bis 0,15%).
Zur Therapie einer
Polyneuropathie werden auch Sak ralblockaden (= rückenmarknahe
Blockade durch eine Öffnung im Kr euzbein
hindurch) empfohlen (Kossmann et al. 1988).
Fast regelmäßig kommt es nach einer intensiven Blockadebehandlung auch bei der Alkohol-
Polyneuropathie zu einer Besserung der Pallästhesie (= Vibrationsempfinden), so daß sich die diesbezügliche Untersuchung zur Objektivierung eines Behandlungserfolges eignet.
Intravasale
(= in ein Blutgefäß verabreichte) Lokalanästhetika-Gabe:
Bei polyneuropathischen Beschwerden im
Beinbereich hat sich
die wiederholte intraarterielle (= in die Schlagader)
Einspritzung eines
Lokalanästhetikum
s (=
örtliches Betäubungsmittel) (z.B. Lidocain in niedriger
Konzentration) gut bewährt. Dabei verabreichen wir
eine Serie von ca. 10 Injektionen in die Arteria femoral is
(= Schlagader im vorderen
Oberschenkel) an
aufeinander folgenden Tagen, jeweils 1x täglich. Um die Traumatisierung
(= Verletzung) der Arterienwand möglichst gering zu
halten, wird eine sehr dünne Kanüle verwendet. In der Regel geben die Patienten unmittelbar
nach dem Einspritzen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Wärmegefühl im
behandelten
Bein an.
Sehr gute Erfolge sehen wir, wenn bei der Alkoholpolyneuropathie oben beschriebene Nervenblockaden mit einer Infusionsserie kombiniert wird. Der Infusionslösung (z.B. 500 ml NaCl) werden 1-1,5 mg/kg Körpergewicht Lidocain zugesetzt.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade eines Nerven mit Katheter wird ein dünner Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Ner ven oder das betroffene Nervengeflecht eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht "aufgeschnitten" werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das Lokalanästhetikum (= örtliche Betäubungsmittel) völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel in den Katheter auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Nach neueren Erkenntnissen vermag eine solche intensive Blockadebehandlung auch das sog. Schmerzgedächtnis zu löschen, auch bei einer Alkohol- Polyneuropathie.
Besteht die Alkohol-Polyneuropathie bzw. die dadurch verursachten Nervenschmerzen längerfristig, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen, hilfreich sind auch Anleitungen zur Schmerzbewältigung.
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